Rezension: Hans Heinz Holz – Die Sinnlichkeit der Vernunft

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Sekundärliteratur zu dem 2011 verstorbenen Philosophen und ehemaligen Vorsitzenden der Internationalen Hegel-Gesellschaft Hans Heinz Holz ist immer noch rar gesät, und obgleich diesen Herbst zumindest der erste größere Sammelband über sein Denken erscheinen soll (Michael Weingarten/Claus Baumann: Dialektik – Ontologie – Kunst. Zur Philosophie von Hans Heinz Holz ist vom transcript Verlag für September 2019 angekündigt) ist die Diskrepanz zwischen der geringen Rezeption und Holzens Bedeutung für zentrale philosophische Disziplinen wie der Ontologie und Dialektik, in welchen er neue Maßstäbe setzte, sowie der Leibniz-Forschung, der Ästhetik und der Sprachphilosophie weiterhin augenfällig. Diese Lücke zumindest vorläufig schließen zu helfen tritt der Ende 2017 erschienene Interview-Band „Die Sinnlichkeit der Vernunft. Letzte Gespräche“ an.

Stringent aber ohne übermäßige Strenge verknüpfen die Interviews, die der ehemalige „junge Welt“-Chefredakteur Arnold Schölzel und der Philosophie-Student Johannes Oehme im Februar 2011 mit Holz führten, thematische Schwerpunkt-Kapitel mit Holz‘ Biographie. So schafft der Band mühelos die Vermittlung der Vielfalt von Holz‘ Denken mit seiner beeindruckenden Lebensgeschichte, die selbst in dem an aufregenden Philosophen-Biographien nicht eben armen 20. Jahrhundert zu den spannendsten zählen dürfte.

Schon früh führte den 1927 in großbürgerlicher Familie Geborene seine antifaschistische Grundhaltung in die politische Aktivität, die er sein Leben lang beibehalten sollte. 1943 wegen der Verteilung von Protestflugblättern in Gestapo-Haft genommen, lernte er dort Kommunisten kennen, deren Vorbild in Standhaftigkeit und Bildung ihn bewegten, sich nach dem Krieg sogleich der kommunistischen Bewegung anzuschließen. In den lebhaftesten Passagen des Interviews schildert Holz die ungeheure Aufbruchsstimmung nach 1945, in der er schon als junger Erwachsener in verantwortungsvolle Positionen befördert wurde und publizistisch tätig werden konnte: „Wenn ich mir denke, wie käme heute ein 18-Jähriger oder 19-Jähriger dazu, die Theaterkritiken für eine Fachzeitschrift zu schreiben?“ (S. 64)

Auch der Anschluß an die bedeutendsten marxistischen Philosophen seiner Tage gelingt dem in Frankfurt a.M. Studierenden mühelos. So berichtet Holz in einer Anekdote von seiner ersten Begegnung mit Ernst Bloch im Jahre 1949: „Daraufhin habe ich Bloch besucht, und wir haben die ganze Nacht ein Gespräch gehabt, wobei Gespräch falsch gesagt ist: Er hat da die ganze Nacht lang geredet.“ (38) und reflektiert angesichts seines Treffens mit Georg Lukács 1948: „Das sind alles ungeheure Jugenderlebnisse, das sind alles große Leute, große alte Leute gewesen. Denen saß man als 20-Jähriger gegenüber und wurde akzeptiert wie ein Gleichberechtigter. Das war das Schöne in der kommunistischen Welt, das Alter spielte fast gar keine Rolle.“ (47)

Ein inhaltlich prägender Meilenstein wurden für Holz die Veranstaltungen rund um den 300. Geburtstag von Gottfried Wilhelm Leibniz im Jahre 1946. In Leibniz sah Holz früh den eigentlichen Umbruch zur philosophischen Moderne, da das Monadenmodell das seit Aristoteles dominierende Denken in Substanzkategorien durch ein Denken von Relationen substantieller Formen ablöst. Die Statik des alten Substanzbegriffs wird in der die ganze Welt widerspiegelnde Monade aufgehoben. So bildete sich Holz‘ Denken in der Verbindung von Politik, philosophischer Reflexion auf die Politik und den Eckpfeilern Leibniz, Hegel, Marx und Lenin heraus.

Das Interview führt weiter durch Holzens Leben und berufliche Laufbahn, die er selbst auf die einfache Formel „25 Jahre Journalist, 25 Jahre Universitätsprofessor“ bringt, und der erfahrene Journalist Schölzel, der etwa 3/4 des Interviews bestreitet, tat gut darin, das Gespräch „laufen“ und Holz erzählen zu lassen. Mitunter entsteht allerdings der Eindruck, Holz und Schölzel verstehen sich so gut, dass leider einiges im Gespräch unartikuliert und implizit bleibt, was besonders jüngere Leser, denen historisches und politisches Hintergrundwissen fehlt, womöglich gerne ausführlicher beschrieben sehen würden. Das 1/4 des Gesprächs, in das sich der junge Student Oehme einmischt, ist jedenfalls durch Brüche im Erzählfluss von Holz gekennzeichnet, die dem Band allerdings mitunter auch gut tun. Wünschenswert wäre dennoch an manchen Stellen, wenn etwa das Gespräch in völlig andere Themengebiete wie die Tagespolitik abgleitet, eine etwas strengere Moderation.

Zwei Tätigkeitsbereiche sind es Insbesondere, die das Buch spannend und zu einer kurzweiligen Lektüre machen, da hier Holz „aus dem Nähkästchen plaudert“: die Kunst-Kritik und die Universitäts-Politik. Früh wendet sich Holz, weil er selbst „absolut unbegabt [sei], irgendetwas produktiv auf eine Leinwand zu bringen“(145), vor allem der Reflexion über Kunst zu: „Ich war von Beruf unter anderem Kunst- und Theaterkritiker. Dadurch ist mir dieses Material zu solch einem Problem der geistigen Verarbeitung geworden, dass daraus dann der eine Zweig meiner philosophischen Beschäftigung wurde.“ (146). Großen Raum nimmt daher die Beschreibung des Verhältnisses des Kunst-Theoretikers zu den Künstlern ein, die zumeist von herzlicher Freundschaft geprägt war, etwa in der Verbindung zu Richard Paul Lohse oder Anton Stankowski.

Was Universitäts-Politik angeht, dürften die Gespräche selbst zu einem wichtigen Zeitzeugnis werden. So ausführlich, wie man es von kaum einem anderen Philosophie-Professor kennt, berichtet Holz über Promotions- und Berufungsprobleme, Berufsverbote, interne Intrigen und politische Ränkespiele im universitären Umfeld. Holz, der als Professor in Marburg und Groningen (die niederländische Universität und ihre Leitung schneidet in Sachen politische Neutralität bei weitem besser ab) all das am eigenen Leibe erfahren hat, kann aus einem reichhaltigen Erfahrungsschatz schöpfen, wobei sich hier auch die Schwächen autobiographischer Interviews zeigen mögen, die eben immer eine Selbstbeschreibung bleiben. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung der deutschen Universitätsgeschichte wäre natürlich wünschenswert, aber es sind eben die von Holz beschriebenen politischen Machtverhältnisse, die eine solche in völliger Neutralität undenkbar machen. So hat man immerhin bei Holz einen Fundus an Hintergrundinformationen und Anekdoten – die im Übrigen auch auf einige Ikonen der Linken kein gutes Licht werfen, etwa wenn Holz berichtet, dass der mit ihm befreundete Philosoph Helmuth Plessner nach dem Weltkrieg in Göttingen einen ersten Kongress schlagender deutscher Studentenverbindungen untersagte, diese jedoch von Horkheimer an die Universität Frankfurt a.M. eingeladen wurden, wo er Rektor war (229). Und über dessen philosophischen Weggefährten heißt es, Adorno „hatte mich auch aufgefordert, ich solle an seinen Seminaren teilnehmen. Das habe ich einmal und nie wieder getan, weil das eine solche Form von Heldenverehrung war! Da saß der ganze Kreis und staunte den großen Adorno an, und widersprechen durfte man sowieso nicht. Das war keine Seminarform, an der ich Interesse hatte.“ (222)

Bevor nun aber der Eindruck entsteht, der Band sei nichts weiter als eine Aneinanderreihung autobiographischer Geschichtchen, sei auf die eminent theoretischen Passagen verwiesen, in denen Holz selbst in seine philosophischen Grundgedanken einführt. Hierbei macht er sich vor allem für eine Problemgeschichte der Dialektik und die Konstanz philosophischer Problemstellungen wie etwa dem Universalienproblem stark, wobei er sich bezüglich des Letzteren erfrischenderweise gegen lange übliche marxistische Simplifizierungen wendet. Als philosophische Lebensaufgabe hat Holz die Begründung einer marxistischen Philosophie gesehen: „Marxismus als Theorie gibt es seit dem „Kapital“, Marxismus als politische Theorie gibt es seit Lenin. Aber Marxismus als Philosophie, das hat Lenin selbst und Stalin noch gesagt und Gramsci immer wieder ausgesprochen: die philosophische Erarbeitung dieser Denkstrukturen, die fehlt noch. Das ist die Aufgabe unserer Generation, nachdem wir jetzt die Grundlage der politischen Ökonomie haben. […] …und da habe ich mich nun mal rangemacht, auf die vielleicht für einen Marxisten merkwürdige Weise, dass ich nicht mit der Materialität, sondern mit den Begriffsstrukturen angefangen habe.“ (109) Mit seinen späten Hauptwerken „Weltentwurf und Reflexion“ und der fünfbändigen „Problemgeschichte der Dialektik von der Antike bis zur Gegenwart“ hat Holz jedenfalls einen Bestand an philosophischer Grundlegung geschaffen, an dem vorbeizugehen kein Marxist im 21. Jahrhundert sich wird leisten können. Und ins Stammbuch aller Philosophen lässt sich die Sentenz Holz‘ einschreiben: „Die Probleme, die der Marxismus anspricht, müssen nicht marxistisch beantwortet werden, aber man muss sie wenigstens sehen.“ (87)

Das Buch endet in der Jetztzeit nach 1989, in der sich Holz auf politische Aufbauarbeit in der stark geschrumpften DKP zurückgeworfen sah, die er aber im hohen Alter ohne Murren und mit Verweis auf seinen lebenslangen Standpunkt, dumme Funktionäre könnten ihn nicht vom Kommunismus abschrecken (57), auf sich nahm. Umso mehr erstaunt das lebhafte, immer wieder durch Lachen (das die Herausgeber sinnvollerweise kenntlich gemacht haben) unterbrochene Interview, das auch über die Distanz hinweg noch einen Eindruck von der großen Ausstrahlung und Persönlichkeit des Philosophen vermittelt. So kann das Interview zwar nicht die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Holz‘ Werk ersetzen oder sich als solche sehen (trotz des kleinen, verdienstvollen Anmerkungsapparats, biographischen Eckdaten und einem akkuraten Personenverzeichnis), aber doch in idealer Weise hinleiten zu einer solchen, und einführen in das Schaffen von Holz, welches so breit gefächert war, dass man ihm ein letztes Kompliment nicht verwehren möchte: Wenn Holz über seinen großen Liebling Leibniz sagt: „Und Leibniz stand doch anders als Hegel derart mitten in der politischen Welt seiner Zeit. […] Insofern ist Leibniz auch spannender als Person, viel glänzender und flitternder.“ (119), möchte man hinzufügen: mit seinem Leben hat Holz es seinem Vorbild gleichgetan.

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Martin Küpper, Vincent Malmede und Johannes Oehme (Hrsg.): Hans Heinz Holz: Die Sinnlichkeit der Vernunft. Letzte Gespräche. Gespräche mit Arnold Schölzel und Johannes Oehme, Februar 2011. Mit einem Vorwort von Arnold Schölzel. Verlag Das Neue Berlin, 2017.

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