Rezension: Jan Skudlarek – Wahrheit und Verschwörung

Wer im Internet unterwegs ist, braucht nicht lange, um auf Verschwörungstheorien zu stoßen. Egal ob Chemtrails, 9/11, Impf-Gegnerschaft, Klimawandel-Leugnung, Reichsbürgertum oder Lügenpresse-Vorwürfe (von dem wirklich abgedrehten Zeug mit Aliens und Reptiloiden ganz zu schweigen) – zunehmend verbreiten sich „alternative“ Welterklärungen, die nicht allein dem Inhalt nach verrückt, sondern auch in der Form unwissenschaftlich und gemeingefährlich sind, insofern sie zu einer Erosion vernünftigen und sachlichen Denkens beitragen. In seinem zweiten Sachbuch „Wahrheit und Verschwörung. Wie wir erkennen, was echt und wirklich ist“ untersucht der Philosoph Jan Skudlarek dieses Phänomen.

„Grundfrage dieses Buches ist konsequenterweise die Frage nach der angemessenen Beschreibung der Wirklichkeit.“ (S. 15)

Skudlarek leistet in dem knapp 200-Seiten-Büchlein dreierlei: zum ersten eine populärphilosophische Behandlung der Fragen Was ist Wahrheit? und Was ist echt?; zweitens eine Darstellung gängiger Verschwörungstheorien mitsamt (sozial)psychologischen Erklärungsmustern und darauf aufbauend drittens ein leidenschaftliches Plädoyer für die Möglichkeit gemeinschaftlicher Verständigung anhand faktenorientierter Wahrheitssuche. Seinen Standpunkt macht er zu Beginn klar: „Stattdessen vertrete ich eine steile These. Mehrere sogar. Sie lauten: Wahrheit gibt es. Echtheit auch. Es gibt bessere und schlechtere Beschreibungen der Wirklichkeit. Und Verschwörungstheorien sind unwahr, sind gemeingefährlicher Quatsch.“ (10) Nach einem einleitenden Abriß des Wahnsinns, dem je nach bestimmter Verschwörungstheorie oft 10 bis 25% der Bevölkerung anhängen (die WHO musste im Januar 2019 sogar Impfgegner zu einer globalen Bedrohung erklären), widmet sich Skudlarek dem Problem von Wahrheit/Echtheit und ihrer Erkennbarkeit. Mitunter werden die Fragestellungen in abstrakter philosophischer Sprache dargestellt, aber da alles wunderbar anschaulich bebeispielt wird, bleibt das Buch allgemeinverständlich. In den hinteren Kapiteln behandelt er zudem Sprach- und Aussagenphilosophisches, ohne allzu sehr auf philosophische Problematiken einzugehen, was allerdings durch den dezidiert populärphilosophischen Charakter des humorig geschriebenen Buchs gerechtfertigt wird.

In der Darstellung der Verschwörungstheorien bespricht Skudlarek nicht einzelne Behauptungen, sondern zielt auf die ihnen gemeinsame Wahrheitslogik und offenbart ihre größten Schwächen. Zu den wesentlichen geistigen Mängeln von Verschwörungstheoretikern rechnet er:

– zufälligen Ereignissen oder ungeplanten Handlungen menschliche, böse Absichten zu unterstellen (Hyperintentionalismus).

– resistent gegen logische Einwände und empirische Falsifikationen zu sein.

– statt einem „gesunden“ einem „toxischen Zweifel“ anzuhängen, der nicht selbst-reflexiv funktioniert und daher seine eigenen Annahmen nicht mehr hinterfragt und zudem Wahrheitssuche nicht als dialogische Angelegenheit von Menschen mit begrenztem Verstand fasst.

– Eigenschaften oder Aussagen nicht in einem Gesamtzusammenhang sehen zu können.

– keine relativen, sondern nur absolute Wahrheiten zuzulassen.

– bei der Echtheitsbeurteilung einer Sache oder Aussage ihren historischen Werdegang nicht zu berücksichtigen und daher wissenschaftliche Expertise abzulehnen (der „Schulmediziner“, der jahrelang studiert hat, wird nicht für ernster genommen als ein paar Amateur-Videos auf YouTube).

– das Ignorieren grundlegender logischer Zusammenhänge, so dass auch widersprechende Verschwörungstheorien problemlos rezipiert werden können (bestes Beispiel ist „Schrödingers Migrant“, der zugleich faul ist als auch anderen die Arbeit wegnimmt).

– ein primär emotionaler statt rationaler Zugang zur Welt, wofür Skudlarek das wunderbare Wort „Weltanfühlung“ erfindet, welche bei Verschwörungstheoretikern die Weltanschaung ersetze.

Bei der Erklärung der Popularität von Verschwörungstheorien greift Skudlarek auf individual- und sozialpsychologische Ansätze zurück. So zeigten etwa Forschungen, dass die „Gläubigkeit“ der Verschwörungstheoretiker von ihrem subjektiven oder tatsächlichen Eindruck, ihr Leben nicht unter Kontrolle zu haben, abhängt.

Am stärksten ist Skudlarek in den letzten Kapiteln, in denen er einen sozialen Wahrheitsbegriff verteidigt: „Klimawandel, Evolutionstheorie oder Digitalisierung – diese Sachverhalte mögen meinetwegen komplex sein. Das macht sie dennoch keineswegs zur Ansichtssache. Denn gefühlte Wahrheiten sind nichts anderes als eben dies: Ansichtssachen. Das Subjektivistische unterscheidet gefühlte Wahrheiten von echten Wahrheiten. Wir erinnern uns: Echte Wahrheiten sind etwas Überindividuelles…“ (98) und noch deutlicher stellt er die Bedeutung dieses Begriffs heraus: „Der Glaube an eine zumindest im Prinzip erreichbare Wahrheit ist das Fundament des Sozialen.“ (179) Daraus folgt der unbedingte Imperativ, dass wir uns um Wahrheit bemühen sollen und müssen – Verschwörungstheorien zu widersprechen als Akt der Zivilcourage. Alles andere gefährdet die Gesellschaft.

Damit rührt er an Grundlegendem, da er richtigerweise darauf verweist, dass unsere Gedanken prinzipiell handlungsleitend sind, und deswegen „…hört unser Recht auf, zu glauben, was wir wollen, spätestens dort auf, wo es zur Gefahr für andere wird.“ (139) Dies hat nun ziemlich relevante und praktische Folgen. Eine davon spricht er in Hinblick auf die Mechanismen der Sozialen Netzwerke selbst an: Algorithmen sind ein Problem, oder besser: eine Aufgabe der ganzen Gesellschaft, da sie unsere digital-soziale Wirklichkeit formen. Dies darf deshalb, so Skudlarek, „…nicht den Betreibern [sozialer Plattformen und Suchmaschinen] allein überlassen werden, sondern muss Gegenstand einer öffentlichen Auseinandersetzung werden.“ (136)

Wenn aber schon der Glaube an bestimmte Sachverhalte, die irrige „Weltanfühlung“, eine Gefahr darstellt, dann bedeutet das, dass sich in unserer Zeit in neuer Konsequenz Fragen der Erziehung und der diskursiven Selbst-Regulation der Menschen stellen. In letzter Instanz ist dies aber eine Frage des Gesellschaftssystems – womit wir zu den Schwächen von „Wahrheit und Verschwörung“ kommen.

Kritik:

Ein paar kritikwürdige Stellen hat das Büchlein meines Erachtens und alle laufen sie zu dem möglichen Generalvorwurf zusammen, dass bei der Erklärung und auch bei der möglichen Bekämpfung von Verschwörungstheorien strukturelle Gesellschaftsprozesse gegenüber psychologischen Faktoren vernachlässigt werden.

So ließe sich einwenden, dass es Verschwörungen in der Politik und der Wirtschaft immer schon gegeben hat. Von Caesars Ermordung bis zu den Panama Papers lässt sich vieles als Verschwörung auffassen. Natürlich weiß Skudlarek dies und greift den Einwand vorsorglich auf (S. 187 ff.). Auf zweierlei Punkte beruft er sich dagegen zurecht: erstens steigt die Wahrscheinlichkeit, dass echte Verschwörungen auffliegen, im Laufe der Zeit und mit der Anzahl der Beteiligten stark an (der Physiker Robert Grimes hat sogar ein mathematisches Modell dafür entwickelt), so dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass etwa eine angebliche große Verschwörung – sagen wir die Vergiftung der Bevölkerung mit Drogen in Chemtrails – nicht aufgedeckt wird. Und zweitens besteht Skudlarek darauf, dass Vorgänge wie die Watergate-Affäre, die Panama Papers, der Abgas-Skandal und ähnliches immer mit empirisch-wissenschaftlichen Recherche-Methoden aufgedeckt und aufgeklärt wurden.

Hierbei scheint mir Skudlarek aber zu sehr nur von der Aufdeckung her zu denken und nicht von den gesellschaftlichen Strukturen, die solche verschwörungs-ähnlichen Netzwerke ermöglichen und entstehen lassen. Mit dieser Verschiebung des Fokus hängt auch eine etwas deplatziert wirkende Hufeisen-Bemerkung zusammen. So behauptet Skudlarek: „Das Unterteilen der Umwelt in Gut und Böse, die Suche nach Sinn in bedrohlichen gesellschaftlichen Ereignissen – beides sind wesentliche Bestandteile sowohl von politischem Extremismus als auch von Verschwörungsdenken. Und zwar gleichermaßen auf der äußeren linken und auf der äußeren rechten Seite des politischen Spektrums. Während Linksextreme z.B. Verschwörungstheorien über finstere Kapitalismuspläne bzw. Internationale Konzerne bevorzugen, tendieren Rechtsextreme beispielsweise zu Spekulationen über dunkle Machenschaften hinter Migrationsbewegungen.“ (75)

Deplatziert wirkt die Bemerkung deswegen, weil im ganzen Buch eigentlich nur über Verschwörungstheorien berichtet wird, die von der rechten Seite des politischen Spektrums geteilt und verbreitet werden. Nun gibt es sicherlich auch bei Linken sektenähnliche Erscheinungen und plumpe Erklärungsmuster à la „Die Manager sind schuld“. Dennoch ist der entscheidende methodische Unterschied, dass die Rechten sich die Welt als absichtliche Verschwörung böser Subjekte (die Juden, die Bolschewisten, Merkel, etc.) erklären, die Linken dagegen hinter den gesellschaftlichen Erscheinungen zumeist strukturelle Abläufe erkennen, die nicht deckungsgleich mit dem Selbstverständnis der Beteiligten ist. Dies wird prägnant ausgedrückt von Karl Marx, der in Bezug auf den Arbeitsprozess im ersten Kapitel des Kapitals schreibt: „Sie wissen es nicht, aber sie tun es.“ Linksradikale behaupten daher in der Regel eben nicht, dass internationale Konzerne „finstere Kapitalismuspläne“ verfolgen. Die Konzerne verfolgen aber einzelne Interessen, die in der Gesamtsumme zu einem ziemlich finsteren Kapitalismus führen, selbst wenn kein einziger Manager etwa die Verelendung von Arbeitern bewusst will. Dies betrifft auch eine Unterscheidung, die Skudlarek einführt, nämlich die zwischen absichtlicher Lüge und bloßer Unwahrhaftigkeit – wobei er hier nur auf individueller Ebene verbleibt (im Abschnitt der „Handlungstheorie der Lüge“).

Warum ist das besonders relevant? Wenn man der Verbreitung rechter Verschwörungstheorien entsprechenden Widerstand entgegensetzen will, so kann dies nur gelingen, wenn man bei den Menschen ein richtiges und kritisches Verständnis für gesellschaftliche Prozesse fördert. Ein bloßes Verweisen auf Experten und Bestehen auf wissenschaftlichen Fakten muss in einen Positivismus abgleiten, der ignoriert, dass Politik vor allem in der Aushandlung von Interessen besteht, die nicht mit Fakten, sondern nur normativ begründet werden können. So wäre es etwa ein Fehler, gegenüber den „Lügenpresse“-Vorwürfen der Rechten einen naiven Glauben an eine vollständige Neutralität der Medien zu predigen, da dies bereits dem intuitiven Eindruck der meistens Medienkonsumenten widerspricht und Argumenten Vorschub leistet, wer die Medien derart verteidigt, sei selbst befangen. Beiden Vorwürfen gegenüber muss man viel eher berechtigte Medienkritik formulieren, wie sie etwa der Medienwissenschaftler Uwe Krüger leistet (worauf Mark Fischer und Oliver Schlaudt in dem empfehlenswerten Aufsatz „Fakten, Fakten, Fakten“ in der Zeitschrift Merkur hinweisen, worin sie ebenderart davor warnen, gegenüber dem „Fake News“-Vorwurf in einen Fakten-Positivismus zu verfallen). Krüger verweist zurecht auf die strukturelle Verwobenheit der großen Medien mit politischen und wirtschaftlichen Netzwerken und Interessen.

Nun will ich meinerseits Skudlarek nicht absichtlich missverstehen, indirekt scheint es natürlich an etlichen Stellen durch, dass er um die Interessen-Geleitheit gesellschaftlicher Akteure weiß und diese nicht absichtlich herunterspielt. Und ich bin mir sicher, er würde entgegnen, dass Krüger natürlich ein Medienwissenschaftler ist, der mit empirischen Methoden, Selbstreflexion und mit „gesundem Zweifel“ die Interessenskonflikte und -abhängigkeiten in der Medienlandschaft beschreibt, die mitunter so stark werden können, dass sie den Menschen wie eine Medien-Verschwörung erscheinen. Es bleibt aber ein gewichtiger Unterschied, ob man nur darauf vertraut, dass solche Strukturen früher oder später mit wissenschaftlichen Methoden aufgeklärt werden (wie bei den genannten Beispielen Panama Papers, Abgas-Skandal, etc.) und die Ergebnisse dann in der Gesellschaft akzeptiert werden oder ob man schon präventiv ein kritisches Verhältnis zu den gesellschaftlichen Strukturen fordert und fördert. Natürlich würde dies im Wesentlichen bedeuten: Kritik an kapitalistischen Strukturen, denn dies muss man ebenfalls ergänzen: es ist vor allem die „unsichtbare Hand“ des Marktes, welche sowohl das Gefühl von Kontrollverlust bei den Menschen hervorruft, das sie für Verschwörungstheorien anfällig macht, als auch ein Gefühl abstrakter Abhängigkeit erzeugt (und damit die beliebige Übertragbarkeit von Verantwortlichkeit für Misstände auf Sündenbockgruppen begünstigt).

Insofern sollte man nicht nur zu Zivilcourage aufrufen und darüber reflektieren, wie ein Diskurs beschaffen sein sollte, damit mehr Widerständigkeit gegen irre Verschwörungstheorien erreicht wird, sondern auch darüber reflektieren, wie ein Gemeinwesen beschaffen sein muss, das selbst ein rationales Verhalten seiner Bürger begünstigt.

Fazit:

Trotz dieser Schwachpunkte ist dem Buch unbedingte Verbreitung zu wünschen. Dass meine Kritik nun fast mehr Raum einnimmt als die Wiedergabe der Inhalte, mag man hoffentlich dahingehend verstehen, wie anregend Skudlareks Buch war. Nicht nur die Thematik, auch das erfreulich strenge Beharren auf gemeinschaftliche Wahrheitssuche trifft einen Nerv und sollte mehr Beachtung finden.

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Jan Skudlarek: Wahrheit und Verschwörung. Wie wir erkennen, was echt und wirklich ist. Reclam Verlag, Stuttgart, 2019.

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