Über den Blog

Ist das Wahre abstrakt, so ist es unwahr. Die gesunde Menschenvernunft geht auf das Konkrete. Erst die Reflexion des Verstandes ist abstrakte Theorie, unwahr, nur im Kopfe richtig, – auch unter anderem nicht praktisch. Die Philosophie ist dem Abstrakten am feindlichsten, führt zum Konkreten zurück.“     G.W.F. Hegel

Was will dieser Blog?

Daily Hegel – das immerhin sollte offensichtlich sein – ist ein programmatischer Name und keine Nachahmung, denn ich bin nicht vermessen genug, den am wenigsten vergleichbaren Geist der Menschheitsgeschichte imitieren zu wollen. Von Twitter her kommend bestand mein Programm ursprünglich in der täglichen Bereitstellung von Inhalten über den großen Idealisten. Diese Beschränkung wurde schnell aufgehoben, auf Philosophisches überhaupt ausgeweitet und schließlich sprenge ich mit diesem Blog noch die elende 280-Zeichen-Begrenzung. Philosophie mag über Twitter beworben werden können, heimisch werden kann sie dort nie.

Was programmatisch verbleibt, ist der Anspruch, die Welt im Hegel’schen Geiste anzuschauen, sein Wort der „gesunden Menschenvernunft“ soll Pate stehen. Es hätte nahe gelegen, sich die Begriffe Dialektik oder Spekulation als Standarte zu wählen, doch sind diese als Fach-Termini in ihrer Bedeutung – mithin in ihrer Differenz gegeneinander – praktisch unbekannt oder durch unreflektierten Massen-Gebrauch viel zu zerschlissen, um noch ein einleuchtendes Schlagwort zu bilden. Gesunde Menschenvernunft also, ein Ausdruck, dessen Verwendung Hegel exklusiv hat, während doch der gesunde Menschenverstand früh sprichwörtlich geworden und heute in aller Munde ist. Man möge es nicht falsch fassen, der gesunde Menschenverstand ist ein ehrenwerter Geselle (ein Ehrengeselle, wie die Kinder der Moderne wohl sagen würden) und für das Leben unentbehrlich, denn er ist Element und Grundlage aller Entweder-Oder-Entscheidungen. Wer Großes will, sagt Goethe, muss sich zu beschränken wissen und Hegel fügt an, wer dagegen alles wolle, wolle in der Tat nichts und bringe es zu nichts. In welcher Stadt ich wohne, worin ich mich ausbilden lasse, welchem Beruf ich nachgehe, in welcher Partei ich bin – für alles Praktische brauchen wir das Vermögen richtig zu urteilen, um anschließend eine Option zu wählen und unendliche mögliche auszuschließen. So unentbehrlich das im Alltag ist, so widersinnig wird es im begrifflichen Denken, denn man ergreift keinen Gedanken und schließt dann alle anderen davon aus. Ein Gedanke wird überhaupt erst relevant in der Beziehung auf alle anderen und ihn gegen andere bestimmt abgrenzen zu wollen, hieße, das Dahinterliegende kennen zu müssen und damit die Grenze, die durch den Ausschluss absolut sein soll, im Geiste schon wieder überschritten und relativiert zu haben.

Das ist gesunde Menschenvernunft: das konkrete Denken, einen Gegenstand zu verstehen, indem man ihn in seinen Relationen zu seinem Gegenteil und anderen Gegenständen begreift; darüber hinaus noch den Standpunkt des eigenen Denkens zum Gegenstand reflektieren können. Ein allgemein verbreitetes Verfahren möchte man meinen. Nicht in dieser Welt. Das Bemühen der meisten KolumnistInnen, JournalistInnen, MeinungsmacherInnen, PolitikerInnen, you name it, geht dahin, sich einen Standpunkt zu suchen und anstatt diesen zu reflektieren lediglich alle Argumente zu sammeln, die dienlich scheinen, ihn zu bekräftigen. Er wird allgemein eben nicht in Relation gesetzt zu irgendetwas, ganz zu schweigen davon, daß kaum je irgendwo begriffliche Totalität erreicht wird. Mehr noch, die Grenzen zu anderen möglichen Gedanken werden oft gar nicht erkannt, weil der eigene Standpunkt nicht wirklich begriffen ist. Gesunde Menschenvernunft ist also eine Marktlücke, die schließen zu helfen Anliegen meines Blogs ist, denn ich halte dafür, von Hegel in bescheidenem Maße gelernt zu haben und fortwährend zu lernen, wie man die Abstraktion des Entweder-Oder im Denken überwindet.

Der Blog ist ferner eine Werkstatt für Begriffsarbeit, worin ich meine sich bildenden philosophischen Begriffe schmieden und die Bestimmungen anderer verstehen will. Rezensionen und Gastbeiträge, über die ich mich sehr freue, dürfen das Ganze abrunden.

Hinter Daily Hegel steckt ein junger Mann mit längst abgeschlossenem Philosophie- und Geschichtsstudium, der die akademische Laufbahn nicht einzuschlagen gedenkt. Wer nach Gründen sucht, die Texte abzulehnen, ohne sich mit der Mühe des Lesens zu beschweren, sei darauf verwiesen, daß ich Kommunist bin. Ich habe keine Angst vor dieser Einordnung, denn diese Schublade ist die einzige, die von innen gesehen größer ist als von außen (ein befreundeter Fan britischer Serien fordert mich an dieser Stelle auf, sie eine TARDIS zu nennen. Okay.) – oder anders: die Schublade, von der aus alle anderen Schubladen begriffen werden können.

„Du hast Dogmen?“, fragt man dann gelegentlich, „weißt du denn nicht, daß kein Mensch die ganze Wahrheit besitzen kann?“. Ein Witz, natürlich. Denn es sind ja gerade diejenigen, welche von festen, zunächst nicht beweisbaren Grundsätzen ausgehen, die wissen, daß die ganze Wahrheit nicht erfassbar ist für den einzelnen Menschen. Wer sich daher keine Grundsätze nimmt, von denen er ausgeht zu denken, versteht überhaupt keine Wahrheit, nicht einmal eine relative, und wer besonders stark gegen Dogmen wettert, ist zumeist nur der, der kein Bewußtsein über seine eigenen hat. Das alles ändert nichts an zwei alles bedeutenden Punkten: Wir stehen erstens immer schon im Wissen um die absolute Wahrheit, denn wir sind ein Teil von ihr. Erscheinen unsere Grundsätze auch als ein unvermittelter Ausgangspunkt für uns, sind sie doch, im Ganzen der Wahrheit, ein Vermitteltes, so daß wir im Fortgang der Wissens- und Begriffsbildung unsere eigenen Prämissen wieder denkend einholen und erkennen können. Zweitens ist es unsere Aufgabe als PhilosophInnen, uns der vollständigen Bewußtwerdung dieser Wahrheit anzunähern. Im Dialog. In gegenseitiger unendlicher Spiegelung. Und das Dogma all meiner Dogmen, auch der marxistischen, ist die Anerkennung des vernünftigen Arguments, dem ich mich, es komme von wem es wolle, immer unterwerfe.